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Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch


Nachdem das "Punk as Fuck" mich mit dem Sticken angefixt hatte, habe ich im Netz zufällig schwarzen Aidastoff gefunden und direkt mitbestellt. Für alle die das nicht kennen: Das ist Baumwollstoff mit eingewebten Löchern, perfekt für die Kästchen im KreuzstichGestickt habe ich während ich mit einer Grippe zu Hause saß und so gut wie nichts machen konnte. Da ging jede Menge durch meinen Kopf, viel Kreatives aber auch viel Politisches - verbunden mit meiner Situation.

Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch - Anarchie-A gestickt - Zebraspider DIY Anti-Fashion Blog

Passend zu dem vorhandenen Stickbild wollte ich wieder was punkig politisches machen und hab mich für das klassische Anarcho-A entschieden. Es sollte auch rot werden, doch ich hatte nur schwarzes Stickgarn da. Also habe ich roten Sternzwirn doppelt genommen und das hat ganz gut funktioniert. Das Symbol mit Kreidestift kurz frei Hand vorgezeichnet, hab ich einfach drauf los gestickt. Ein kleiner Fehler ist passiert, fällt aber nur bei ganz genauem Hinsehen auf.

Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch - Aida schwarz und roter Sternzwirn - Zebraspider DIY Anti-Fashion Blog

AnarchieHab mich in meiner frühen Punkzeit mal ne Weile lesenderweise damit beschäftigt und schnell herausgefunden, daß das von manchen Punks propagierte Chaos wenig mit dem Konzept vom Ordnung ohne Herrschaft zu tun hat. Zugegeben habe ich das Meiste mittlerweile vergessen. Geblieben ist die Unzufriedenheit mit bestehenden Systemen und der Drang sie ändern zu wollen. Oder zumindest nicht zuzulassen, daß alles noch beschissener wird.

Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch - Anarcho-A vorgezeichnet - Zebraspider DIY Anti-Fashion Blog

Ich hab ja schon viel über den Kapitalismus geschimpft, aber was unser Leben auch sehr beeinflusst ist die Tatsache, daß sich Regierungen jahrzehntelang haben einreden lassen, daß so wenig Regulierung wie möglich besser für alle ist. Diese neoliberale Scheiß scheint in Großbritannien schon viel weiter fortgeschritten zu sein als in D-Land - oder von vornherein mehr vorhanden. Alleine was hier schon alles zum Nachteil der meisten privatisiert wurde...

Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch - erste Reihe Sticknadel - Zebraspider DIY Anti-Fashion Blog

Hier viel beschissener ist zum Beispiel "sick pay" - gibt's nämlich quasi nicht. Die meisten Jobs werden im Krankheitsfall nicht bezahlt. Meine Stelle an der Uni ist da ne Ausnahme und ich hatte mich damals gewundert warum das erwähnt wurde. Ja, es gibt gesetzlich festgeschriebenes Krankengeld zu beantragen, aber das sind etwa 90£ die Woche, davon kann keiner leben. Also gehen die Leute zur Arbeit, ob mit Erkältung oder gebrochenem Arm.

Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch - Anarchie-A rot auf schwarz - Zebraspider DIY Anti-Fashion Blog

Wo wir gerade beim Kranksein sind. Die medizinische Versorgung ist an sich ok beim National Health Service (NHS). Doch das System ist extrem unterfinanziert. Da in meiner lokalen Praxis Arzttermine schwer zu kriegen sind, denn telefonisch nicht zu erreichen, gebe ich mich oft mit einem Termin bei der Nurse zufrieden. Es gibt zwar ein Online-Buchungssystem und Anforderung von sich wiederholenden Rezepten, doch Datenschutz - was ist das?

Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch - letzte Stiche - Zebraspider DIY Anti-Fashion Blog

Noch schlimmer ist es bei Zahnärzten, hier ist die Zwei-Klassen-Medizin voll ausgebildet. Die Grundversorgung wird zwar von der NHS bezahlt, es ist aber praktisch unmöglich einen Arzt zu finden, der neue Leute aufnimmt. Wir reden von anderthalb Jahren Wartezeit und 30 min weit weg. Die Alternative: Alles selber zahlen und Termin übermorgen bekommen. Was also machen mit Zahnschmerzen? Es berappen. Auch beim Chiropraktiker zahle ich hier alles selbst.

Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch - schwarzer Bilderrahmen - Zebraspider DIY Anti-Fashion Blog
Eine andere Sache: Momentan laufen Streiks an meiner und anderen Unis wegen Änderungen im Rentenschema USS. Das ist wegen niedriger Zinsen im Defizit und nun soll es von einem Model mit definierter Rente zu einem mit festgelegtem Beitrag geändert und zur wilden Spekulationen freigegeben werden. Das Ganze gilt aber sowieso nur für die höheren Angestellten, alle bis Stufe 5 bekommen ne lächerlich kleine staatliche Rente.
Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch - Anarchie im Rahmen - Zebraspider DIY Anti-Fashion Blog

Was ich damit sagen will: Betrachte nichts als selbstverständlich! Kämpfe mit für eine gerechtere Welt! Die neu gebildete Regierung läßt nun ja auch nicht viel Hoffnung auf Besserung. Hier ein paar Ideen: Rein in die Gewerkschaft! Auf die Strasse (nicht nur gegen rechts)! Für Onlinepetitionen unterschreiben und spenden! Weiter verbreiten was andere Menschen Gutes tun! - Manchmal ist mir nach Steine schmeißen, aber momentan eher nach Sticken und drüber schreiben.

Anarcho-Kreuzstich - Sticken bleibt politisch - Anarchie-A und Punk as Fuck - Zebraspider DIY Anti-Fashion Blog
Hast du ein politisches Thema, was dir momentan besonders auf dem Herzen liegt? Vielleicht auch wegen einem bestimmten Erlebnis? Ich freu mich schon drauf was bei Jule diesen Monat noch so politisch zusammen kommt.
Mal sehen was ich aus dem Rest vom Stoff mache, vielleicht einen Patch für meine Jacke
Edit: Passend zum Thema und zum Weltfrauenkampftag möchte ich dir noch diesen Beitrag über Zenzl Mühsam empfehlen.

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Kommentare: 4
  • #1

    Frau Jule (Donnerstag, 08 März 2018 07:39)

    ich finde es immer wieder toll, wenn man so aufgezeigt bekommt, was nicht läuft, was man selbst nicht auf dem schirm hatte. danke für diesen horizonterweiternden beitrag. das mit der anarchie hatte ich lange wie du, bis ich mich eingelesen hatte. seit dem bin ich fanin.
    ein großartiges stickbild! ich freue mich darauf, dass diesen monat in meiner sammlung zu veröffentlichen.
    liebst,
    jule*

  • #2

    Janina (Donnerstag, 08 März 2018 08:04)

    Vielen Dank!
    Ich würde mich jetzt auch nicht direkt als Anarchistin bezeichnen, aber Fanin ist super! :)
    Liebe Grüße
    Janina

  • #3

    Stitched Teacups (Dienstag, 20 März 2018 20:38)

    Mit ein bisschen Verspätung komme ich endlich wieder dazu, ausführlicher bei dir zu lesen und jetzt nicke ich schon wieder so sehr, dass es von außen sicher nach headbangen aussieht.

    Ich habe heute irgendeinen Artikel gelesen, in dem es unter anderem darum ging, dass in Großbritannien und den USA diese Vorstellung, dass die Gemeinschaft für Einzelne (z. B. im Krankheitsfall) sorgen solle, nie sonderlich verbreitet war, weil auch beide Staaten nie eine starke Sozialdemokratie hatten. Was halt neoliberale "Der Staat hat sich rauszuhalten/ jeder kümmert sich um sich selbst"-Logiken begünstige. (Beim derzeitigen trudeligen Sinkflug der SPD ist mir deswegen gar nicht wohl...)

    Was das im Konkreten immer für Auswirkungen im Gesundheitssystem hat, ist wirklich beängstigend. Da bin ich schon jedes Mal froh, hier in D-Land zu wohnen, aber gleichzeitig kann ich es halt auch nicht als gegeben und in Stein gemeißelt sehen - wie gesagt, die SPD fällt ja in Umfragen immer mehr auf ein Kleinparteienniveau... (Was mich angesichts vieler Parteientscheidungen auch gar nicht wundert. Es ist in vielerlei Hinsicht sehr verdient. Nur was das langfristig für Auswirkungen haben kann, finde ich halt beängstigend.)

    Liebe Grüße
    Sabrina

  • #4

    Janina (Freitag, 23 März 2018 09:12)

    Ach, ich muß bei dir auch noch ein bißchen was nachholen, schaffe es oft nicht allen Links nachzugehen und zu kommentieren.

    Das ist interessant. Ich vermutete schon, daß das in der Kultur verankert ist. Auf der anderen Seite ist das "jede(r) macht wie sie/er mag" günstig für mehr Toleranz.

    Wobei die SPD ja auch neoliberale Politik macht und meist nur so tut als wäre sie sozial - kein Wunder, daß das nicht gut ankommt. Beängstigend finde ich das aber auch.

    Ich glaube ich sollte mal wieder über positive Seiten schreiben, die in D-Land nicht so toll sind, die gibt's natürlich auch. :)

    Liebe Grüße
    Janina